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Abschied vom Güntz | SAX 04/1999

Avatar of AndyWe AndyWe - 29.03.1999 - Der Güntzclub

Dresdens brachialstes Wohnheim verliert im Herbst seine Studenten - und die City vielleicht ihren innovativsten Club

von Rudi M.

Im Dresdner Herbst anno 99 werden nicht nur die Bäume des botanischen und noch größerer Gärten und Wälder ihre Blätter verlieren, sondern auch der »Güntzpalast« seine Studenten: Das in Größe, Schlichtheit und Stadtbekanntheit monumentalste Dresdner Studentenwohnheim auf der Güntzstraße 28 wird höchstwahrscheinlich schon ab September vom Studentenwerk Dresden (SWD) »aus der Verwaltung entlassen«, also an das freistaatliche Liegenschaftsamt zurückgegeben und von diesem zum Kauf feilgeboten. Der Grund: Geldmangel aufgrund gekürzter Landeszuschüsse für die Wohnheime. So kommt weder eine Rekonstruktion des unrentabelsten aller Dresdner Wohnheime noch eine Weiterbewirtschaftung des skurrilen Bauwerks in Frage. Das Problem ist neben der nostalgischen Liebe (die sicher auch ein wenig auf dem günstigen Mietpreis fußt) der meisten der neuzeitlichen Bewohner (die von ihrem baldigen erzwungenen Abschied bisher nur gerüchteweise wissen) der drohende Verlust des inliegenden Güntzclubs für die Dresdner Innenstadt und damit – wenn auch der Bärenzwinger wegreformiert werden sollte – die endgültige subkulturelle Verödung der City.

Das zweiflügelige Gebäude, nach dem Krieg auf dem Platz eines Altersheims der jüdischen Gemeinde errichtet und zuerst der damals auch hierzulande noch »Lufthansa« genannten interfliegenden Aeroflotte als Wohnheim für Flugschüler dienend, wurde später Wohnheim der angehenden Informationstechniker (TU-Sektion 09). In den vier Hauptetagen mit jeweils vierzig Zimmern wohnten zu DDR-Zeiten jeweils sechs Leute gemeinsam auf meist 25 Quadratmetern, was interessante soziodemographische Folgen hatte, auch wenn es bis 1987 fast ausschließlich 09er waren. Ab dann wurden die Karten und die Studenten vermischt. Heute sind es noch rund 250 Studenten verschiedener Dresdner Hochschulen und aller möglichen Fakultäten, die die langen Gänge bevölkern, denkmalgeschützte Treppenhäuser und Fassaden bewundern, dem Zischen in den Heizungsrohren lauschen, in saunawarmen Massenduschen im Keller spannen und ihre Körper in urigen Sanitäranlagen sanieren können, wobei über hundert Betten trotz des Preises nicht vermietet sind – Tendenz stetig steigend.

Dem Studentenwerk sei die Entscheidung, gerade den Güntz zu schließen, sehr schwer gefallen, betont dessen Pressesprecher Werner Sucker. Der Verwaltungsrat hatte extra zu dieser Entscheidung – auch wegen Überkapazitäten in anderen Wohnheimen (insgesamt verfügt das SWD derzeit über ca. 8oo freie Wohnheimplatze) – im vergangenen Jahr eine Arbeitsgruppe gebildet, aufgrund deren Plädoyers im Februar die endgültige Entscheidung fiel: Abschied vom Güntz und der noch wesentlich schäbigeren Baracke auf der Stadtgutstraße! »Wann die Übernahme durch das sächsische Liegenschaftsamt erfolgt, steht aber noch nicht fest«, so Sucker. Angestrebt sei der 31. August. Und Dr. Norbert Koppetzki, der Leiter der Wohnheimabteilung im Studentenwerk, versichert, daß die Studenten informiert würden, sobald der Termin feststehe.

Das Bedauern des Endes der Güntz-Ära wird potenziert durch das drohende lokale und substanzielle Verschwinden des Güntzclubs aus der Dresdner Subkulturszene. Die Kündigung des Mietvertrages erfolgte aufgrund der halbjährigen Kündigungsfrist schon prophylaktisch im Dezember, wird aber zumindest bis zur Übernahme durch das Liegenschaftsamt nicht akut. Aber um den traditionellen Studententreff wäre es nicht nur wegen seiner Lage schade: Was 1977 und wie bei fast allen Studentenclubs sektionsintern und pantoffelbefußt mit viel Bier und vorrangig Disco begann, entwickelte sich schnell zum Geheimtip auch für die Arbeiterklassejugend der Bezirksstadt, denn – im Gegensatz zu Bärenzwinger und KNM – hatte man auch als Werktätiger eine reelle Chance auf Einlaß, weil die Heimbewohnerinnen jeweils einen Gast ihres Wunsches mit hineinschleusen durften.

Zwischen den mittwöchlichen und samstäglichen Discoterminen etablierte der Club, der alsbald über 100 Mitglieder hatte, die sich in festen Arbeitsgruppen und ausschließlich ehrenamtlich engagierten, ein breites Angebotsspektrum mit Konzerten, Kabarett, dem legendären Fasching. Dies wurde auch nach dem Wegbrechen des Discozuspruchs – und damit der Haupteinnahmequelle, zwei Jahre nach der Wende – auch weil man wegen quengelnder Heimbewohner und entsprechender ordnungsamtlicher Auflagen beizeiten Schluß machen mußte – beibehalten und macht den Güntz auch ganz ohne Disco nicht nur für seine Stammklientel wichtig.

Aufgrund des unentgeltlichen Wirkens der heutzutage 35 Vereinsmitglieder können auch Veranstaltungen angeboten werden, auf die kommerzielle Veranstalter, ja selbst der Bärenzwinger, nie kommen würden, weil es sich inklusive Lohnkosten einfach nicht rechnen kann. Als Beispiel nennt Clubchef Andreas Werner die Projekte »Güntz live« oder »Multiple Noise«. Für letztere, von einer externen Studentengruppe geplanten, organisierten und ihrem Namen alle Ehre machenden Veranstaltungsreihe stellt der Güntz seine Räumlichkeiten zur Verfügung und übernimmt die Finanzierung. Auch das Faible für unbekannte Bands blieb erhalten. Als Beispiel führt Werner Catty Caress aus Salzgitter an, die beim ersten Mal zwei, beim zweiten Mal dreißig und beim dritten Auftritt schon hundert Leute »zogen« und die von der handwerklichen Qualität nicht schlechter als Rammstein seien, was keine Kritik an letzteren darstellt.

Statt der Disco gibt es bei Bedarf diverse Parties, wie die zur Grand-Prix-Verballguildohornung damals in Birmingham. Ohne Eintritt, über den Verkauf von Nußecken finanziert, wurde dort das Ereignis per Bildschirm mitverfolgt und bejubelt – es war rappelvoll und über siebzig Prozent Studenten.

Diese lebendige Clubgeschichte freiwillig ad acta zu legen oder begraben zu lassen, weigern sich die Güntzlinge verständlicherweise, sind sich aber bewußt, daß sie nicht in ähnlicher Weise wie der Bärenzwinger in der Öffentlichkeit präsent sind. Deshalb wählten sie von Anfang an den Verhandlungsweg. Sie verhandeln sowohl mit dem Liegenschaftsamt über ihren Verbleib bis zum endgültigen Verkauf als auch mit dem Studentenwerk über ein Ausweichquartier. Dessen Kulturchefin, Hannelore Webel, kann ihnen aber derzeit nur den ungenutzten, aber frisch renovierten »Hemmschuh« mit 70 Plätzen in einem Wohnheimhochhaus auf der Budapester Straße anbieten. Andreas Werner zeigt sich da nicht grundsätzlich ablehnend: »Wir wären schon in der Lage, auch einen reinen Kneipenclub zum Erfolg zu führen.« Er verweist aber gleichzeitig darauf, daß man sich dann für jede größere Sache irgendwo einmieten müßte. Auch andere Alternativen scheinen nicht ausgeschlossen, wie der 37jährige, der seit 1981 im Güntz verwurzelt ist, betont: »Wir spinnen da manchmal rum - aber egal, was in Frage käme: Es muß sowohl von der Lage als auch vom Mietpreis ähnlich "güntztig" wie jetzt sein!« Auch von den »Altkadern« des 1996 ins Leben gerufenen Fördervereins »Freunde des Güntzclubs« kommt ideelle und tatkräftige Unterstützung bei der Wahl der Zukunftsoptionen. Am liebsten wäre allen natürlich ein Verbleib am aktuellen Standort Güntzstraße, auch wenn der Clubmitglieder-Nachschub aus dem Wohnheim selbst wohl fehlen würde. Aber dann würde sich wenigstens keiner mehr über laute Musik beschweren, man könnte discothekieren, bis der Morgen graut. Doch das ist leicht psychedelisch angehauchte Zukunftsmusik, wenn auch die TU höchstselbst ein Auge auf das Gebäude geworfen haben soll - die Existenz des Güntz steht auf der Kippe.

Aber noch ist Frühling, die nähere Zukunft ist geplant und verdrängt vorerst die weitere: Der Güntz liefert als Veranstalter die Höhepunkte der vom Studentenwerk koordinierten alljährlichen Studententage: Am 16. April holen sie Gerhard Polt und seine »Biermösl-Blosn« in den großen Physikhörsaal, am 27. April folgt dorthin Mathe-Doc Olaf Böhme mit seiner Vorlesung zum Thema »Von Kurven, Mittelsenkrechten und stumpfen Schenkeln«. Am 17. April kommen Norbert und die Feiglinge, am 24. April die Space Hobos ins »Stammhaus«. Den Tanz in den Mai am 30. April werden The Transsylvanians am Abend des nur offiziell zum simplen Maifeiertag mutierten nachfolgenden Kampftages endgültig beenden - dazwischen vertreibt Maibaumaufstellen und ähnlicher Schabernack den Gedanken, daß dies das letzte Mal sein könnte.

Den zugehörigen »morbiden Charme des Gesamtensembles«, wie eine jahrelang begüntztigte Ex-Bewohnerin das Ambiente treffend beschreibt, gibt es nur noch ein paar Monate in originaler realsozialistischer Pracht zu bewundern. Als letztes Wohnheim mit ähnlicher Atmosphäre bliebe dann nur noch das Teil direkt über dem GAG 18 auf der Fritz-»Gagarin«-Löffler-Straße - der Sitz des Dresdner Studentenwerkes.

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